Ohne Underwriting gibt es keine Versicherung: Hier wird entschieden, welches Risiko zu welchem Preis gezeichnet wird. Der Prozess bestimmt Profitabilität und Wettbewerbsfähigkeit eines Versicherers und gehört zugleich zu den Bereichen, die am stärksten von KI verändert werden. Dieser Beitrag erklärt Aufgaben und Prozess und zeigt an belegten Praxisbeispielen, wie generative KI das Underwriting beschleunigt.
Was ist Underwriting?
Underwriting, auf Deutsch die Risikoprüfung und Zeichnung, bezeichnet die Entscheidung eines Versicherers, ein angebotenes Risiko anzunehmen oder abzulehnen und zu welchen Konditionen. Der oder die Underwriter bewertet dazu die vorliegenden Informationen, kalkuliert die Prämie, legt Selbstbehalte und Bedingungen fest und entscheidet im Rahmen der eigenen Zeichnungsvollmacht über den Vertrag. Im Privatkundengeschäft laufen viele dieser Entscheidungen regelbasiert, im Industrie- und Spezialgeschäft ist Underwriting dagegen eine anspruchsvolle Einzelfallbewertung.
Der Underwriting-Prozess
- Antrags- und Dateneingang (Submission): Anfragen von Maklern oder Vertrieb treffen ein, oft in unstrukturierter Form.
- Risikoanalyse: Prüfung von Unternehmensdaten, Schadenhistorien und technischen Angaben zur Einschätzung der Schadenwahrscheinlichkeit.
- Preiskalkulation: Festlegung von Prämie, Selbstbehalten und Sonderbedingungen.
- Zeichnungsentscheidung: Annahme, Ablehnung oder Angebot mit angepassten Konditionen.
- Dokumentation und Betreuung: Zusammenarbeit mit Vertrieb, Maklern und Kunden.
Der Engpass: manuelle Submission-Arbeit
Im Spezialgeschäft sichten Underwriter umfangreiche Unterlagen, recherchieren Kontext und bewerten Einzelrisiken. Das kostet Zeit, bindet knappe Fachkräfte und führt dazu, dass ein Teil der eingehenden Submissions gar nicht erst bearbeitet wird. Jede nicht quotierte Anfrage ist verlorenes Geschäft. Genau an dieser Vorarbeit setzt KI an, ohne die eigentliche Zeichnungsentscheidung zu übernehmen.
Praxisbeispiele: So beschleunigt KI das Underwriting
Die folgenden dokumentierten Fälle aus unserem KI-Report zeigen die Größenordnung:
- AIG: Im Bereich Lexington Middle Market Property meldet AIG für das erste Quartal 2026 rund 30 Prozent mehr quotierte Submissions, eine um 55 Prozent kürzere Zeit bis zum Angebot und etwa 40 Prozent höhere Abschlussquoten, nach eigenen Angaben ohne zusätzliches Underwriting-Personal.
- AXA: Ein RAG-Assistent lässt Underwriter hunderte Richtliniendokumente in natürlicher Sprache abfragen. Die Informationsaufnahme sank von rund 10 Minuten auf unter 3 Minuten pro Abfrage, 86 Prozent der Nutzer bewerteten das Tool mit 8 von 10 Punkten.
- Munich Re und John Hancock (alitheia): Automatisierte Lebensversicherungs-Prüfung mit Sofortentscheidungen bis zu einer Versicherungssumme von 5 Millionen Dollar. Munich Re berichtet von den höchsten Instant-Offer-Raten der Branche.
- Tokio Marine HCC mit Cytora: KI strafft Intake und Aufbereitung des Submission-Materials im Cyber- und Professional-Geschäft und senkt den Verwaltungsaufwand.
- Sixfold (bei Zurich): GenAI-Agenten triagieren Fälle und liefern Risikoeinsichten mit Quellenangaben. Zurich North America rollte das Tool an über 200 Underwriter aus und spart bis zu 2 Stunden pro Submission.
Das Muster ist überall gleich: Die KI übernimmt Dokumentenarbeit und Aufbereitung, die Zeichnungsentscheidung bleibt beim Menschen. Schnellere Angebote erhöhen zugleich die Abschlussquote, weil kaufbereite Interessenten nicht auf lange Bearbeitungszeiten warten.
Über 60 weitere Praxisbeispiele finden Sie in unserem Guide
Künstliche Intelligenz ist in der Versicherung längst Realität: 80 Prozent kürzere Schadenbearbeitungszeiten, 55 Prozent weniger Aufwand pro Angebot, dreistellige Millionenbeträge an aufgedecktem Betrug. Unser kostenloser Guide bündelt 61 dokumentierte Praxisbeispiele führender Versicherer entlang der gesamten Wertschöpfungskette, jeweils mit belegten Effekten und eingeordnet in einen Governance-Rahmen aus DSGVO, BaFin und EU-KI-Verordnung. Laden Sie sich den Überblick für Entscheider jetzt als PDF herunter.
Was deutsche Versicherer daraus lernen
Der größte Hebel liegt nicht in einem einzelnen Tool, sondern in der Verkettung mehrerer Agenten entlang des gesamten Underwriting-Prozesses, von der Submission-Aufnahme über die Richtlinienprüfung bis zum Pricing-Benchmarking. AIG baut dafür ein Multi-Agenten-System, in dem spezialisierte Agenten Daten extrahieren, Risiken gegen die Richtlinien prüfen und das Pricing gegen Portfolio-Ziele benchmarken, während der Mensch die Aufsicht behält.
Auch Pricing und Produktentwicklung profitieren. Tokio Marine HCC verkürzte mit modernem Katastrophen-Modeling die Portfolio-Modellläufe von 36 bis 48 Stunden auf 2 bis 3 Stunden, und die Aktuariats-Plattform Akur8 wird bereits von über 250 Versicherern in mehr als 40 Ländern genutzt. Mit dem CoPilot von Munich Re REALYTIX ZERO lassen sich neue Produkte per natürlichsprachigem Prompt in Stunden statt Wochen konfigurieren. Wo Versicherer beim KI-Vertrieb ansetzen, beschreibt ergänzend unser Beitrag zu KI im Versicherungsvertrieb.
Governance: schnell und trotzdem regelkonform
Ein KI-System, das eigenständig Risiken bewertet und Underwriting-Entscheidungen vorbereitet, berührt unmittelbar regulatorische Anforderungen. Der Datenschutz nach DSGVO, die aufsichtsrechtlichen Erwartungen der BaFin und die Vorgaben der EU-KI-Verordnung verlangen Nachvollziehbarkeit, klare Verantwortlichkeiten und einen Human-in-the-Loop an den richtigen Stellen. Für deutsche Versicherer ist das kein Bremsklotz, sondern die Voraussetzung, um KI im Underwriting in der Breite einzusetzen. Technisch gelingt das am besten, wenn KI modular als Microservice über stabile Schnittstellen eingebunden wird, sodass ein Use-Case klein starten und später skalieren kann.
Mehr Praxisbeispiele im kostenlosen Guide
Die hier gezeigten Underwriting-Fälle sind ein Ausschnitt aus über 60 dokumentierten Praxisbeispielen führender Versicherer entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Das vollständige, kostenlose PDF mit allen belegten Effekten und der Einordnung in den Governance-Rahmen finden Sie hier zum Download.



